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Baubranche: Wieso die Klimasünderin umdenken muss

Das Potenzial, bei Gebäuden Ressourcen und Emissionen einzusparen, ohne dabei die Lebensqualität einzuschränken – sondern diese gar zu verbessern – ist enorm. Trotzdem tut sich die Baubranche schwer, den Wandel hin zu einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Bauweise zu bewältigen. Warum ist das so? Und welche Massnahmen braucht es?
Sprechen wir davon, Emissionen zu verringern, dann kommen uns meist eigenverantwortliche Änderungen des Verhaltens in den Sinn: weniger Fliegen, weniger Autofahren, oder weniger Fleisch essen. Diese Massnahmen sind zwar wichtig, doch sie werden nicht ausreichen, um das Ziel von Netto-Null zu erreichen. Würde ein realistischer Anteil der in der Schweiz lebenden Personen freiwillig auf Dreiviertel aller Flüge verzichten, den allgemeinen Konsum auf einen Viertel reduzieren, sich vollständig vegan ernähren, die Nahrungsmittelabfälle im Haushalt eliminieren, nicht mehr Auto fahren oder nur noch mit erneuerbaren Energien angetriebene Autos fahren, könnten etwa 18 Prozent der erforderlichen Reduktionen erzielt werden.

Devi Bühler
Umweltingenieurin Devi Bühler forscht am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Eines ihrer Spezialgebiete ist die Kreislaufwirtschaft im Wohn- und Baubereich. Sie ist Mitglied der Jungen Akademie Schweiz.

Wo müssen wir also ansetzen, um die restlichen 82 Prozent zu erzielen? Ein Blick auf die Herkunft der Emissionen zeigt: Alleine der Gebäudesektor ist für 24 Prozent der Schweizer CO₂-Emissionen verantwortlich. Weltweit sind es sogar 37 Prozent. Ein Grossteil davon entfällt auf die Betriebsenergie, also Heizung, Warmwasser und Elektrizität, und auf die Herstellung von Baumaterialien. Genau hier gilt es also anzusetzen. Dabei trägt die Wahl der Baustoffe nicht nur entscheidend zur Reduktion der Emissionen bei, sondern kann im Sinne einer Kreislaufwirtschaft den gesamten Verbrauch an Ressourcen verringern.
Auch die Lebensqualität profitiert
Und: Gebäude bieten ein grosses Potenzial, unsere Städte an den Klimawandel anzupassen. Beispielsweise indem wir Fassaden und Dächer begrünen oder bestimmte Konstruktionen, die für Schatten sorgen, architektonisch integrieren. All diese Massnahmen müssen keineswegs mit einem Verlust der Lebensqualität einhergehen – im Gegenteil: Vielfach erhöht sich damit die Wohn- und Lebensqualität sogar, da natürliche Baumaterialien beispielsweise für ein gesundes und angenehmes Klima in Innenräumen sorgen.
Dennoch geht die Entwicklung nur langsam voran. Bei der Betriebsenergie konnten in den letzten Jahren zwar Fortschritte erzielt werden. Die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft und die Anpassung an den Klimawandel stehen aber noch ganz am Anfang. Doch warum nur tut sich der Bausektor so schwer den Wandel voranzutreiben?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen Blick auf ein Gebäude werfen: Ein Gebäude ist ein sehr kleiner Raum, auf dem vielfältige Anforderungen integriert werden müssen – unter anderem bauliche, statische, energetische, nutzungstechnische, visuelle und finanzielle. Das heisst: Ein Gebäude ist äusserst komplex. Und je nachhaltiger es gebaut wird, desto mehr steigt auch die Komplexität: Zu den bestehenden Anforderungen kommen Anforderungen an die Energiegewinnung, das Wassermanagement, die Baumaterialien und die Rückbaubarkeit und Rezyklierbarkeit am Lebensende des Gebäudes hinzu.
Ausbildung ist nicht mehr zeitgemäss
Um solch komplexe Aufgaben zu bewältigen, braucht es gut ausgebildetes und erfahrenes Fachpersonal. Und genau dieses fehlt in vielen Unternehmen der Baubranche. De Facto wirkt sich der Fachkräftemangel in der Schweiz also auch auf den Bausektor aus. Hier ist die Bildung gefragt. Doch in den meisten Architekturstudiengängen spielt das Thema Nachhaltigkeit eine untergeordnete Rolle. Und wenn von Nachhaltigkeit die Rede ist, dann meist nur von der Energie, die ein Gebäude im Betrieb verbraucht. Der Beruf des Architekten oder der Architektin wird vor allem als Designschaffende für ästhetische Gebäude verstanden.
Dabei ist deren Rolle viel komplexer. Der Bauprozess ist vergleichbar mit einem Orchester: Die Architektin ist Dirigentin und für das gesamte Stück verantwortlich. Die Fachplaner, Handwerkerinnen und Zulieferer sind das Orchester. Spielt einer einen falschen Ton, so beeinflusst es das gesamte Stück.
Lineare Bauprozesse verhindern Kreislaufdenken
Ein so buntes Zusammenspiel erfordert Austausch, Flexibilität und Übung. Dies hat jedoch im sehr linearen und kostengetriebenen Bauprozess oft keinen Platz. Kommen neue Ideen zu spät hinzu, lassen sie sich oft nicht mehr integrieren, da es aufwändig ist, die Baueingabe zu überarbeiten und Änderungen mit allen Beteiligten wieder abzugleichen.
Ein weiteres Risiko stellen innovative Technologien und Bautechniken selbst dar. Wird beispielsweise eine neue Art von Heizung eingebaut, können vermehrt Störfälle auftreten. Oder um jegliche Art von Schäden am Gebäude zu vermeiden, werden zusätzliche Klebe- und Abdichtungsschichten verlegt. Dadurch lassen sich die Baumaterialien am Lebensende kaum mehr voneinander trennen und auch nicht rezyklieren oder wiederverwenden. Um Risiken zu vermeiden, bleiben Baufachleute meist beim altbekannten.
Markt muss sich erst noch entwickeln
Letztendlich ist auch der Markt in einer Kreislaufwirtschaft komplexer als bei herkömmlichen Produkten. Abfälle werden zu Rohstoffen für Baumaterialien, ausgebaute Bauteile werden in Neubauten wiederverwendet. Dabei sind Angebot und Nachfrage der Bau- und Rohstoffe oft räumlich und zeitlich getrennt. Die notwendigen Marktstrukturen und Lieferketten müssen sich erst etabliert. Bis dahin ist es oft sogar teurer Produkte aus dem Kreislauf zu verwenden.
Was braucht es also, damit ein Wandel in der Baubranche stattfinden kann? Ein wichtiger Schritt sind verschärfte Vorschriften und Förderprogramme in Form von Zuschüssen für Mehrkosten bei Um- und Neubauten. Um den Wandel jedoch entscheidend voranzutreiben braucht es mehr als das: mehr Bildung, flexiblere Planungs- und Bauprozesse, Massnahmen, um Risiken von Innovationen abzufedern, Massnahmen, um Innovation in der Baubranche zu fördern oder auch Kompensationen, um Marktversagen zu korrigieren, und damit die benötigten Marktstrukturen schneller zu etablieren.
Erkenntnisse aus einem Forschungsprojekt
Teil der im Artikel aufgeführten Erkenntnisse stammen aus dem Forschungsprojekt Kreishaus. Das Kreishaus ist ein bewohntes und für die Öffentlichkeit zugängliches Praxislabor für ressourcen- und klimaschonendes Bauen und Leben. Auf kleinstem Raum werden innovative Technologien und Konzepte getestet und weiterentwickelt. Der Bau des Hauses hat einen vertieften Einblick in die Praxis der Baubranche und deren Herausforderungen ermöglicht.
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Jungen Akademie Schweiz.

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Dialog mit Devi Bühler
 

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